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M A T E R A
restaurieren. In Matera hat er 18
alte Höhlen in eindrucksvolle
Hotelzimmer verwandelt, die
aber Teil eines umfassenderen
Restaurierungsprojekts
sind.
Auch im Inneren überzeugt der
einzigartige
Minimalismus
durch Authentizität.
Doch nicht alle Einheimische
sind sich einig. Für manche ist
das Projekt weniger ein Hotel
und eher als ein Monument zu
Ehren der Stadt zu sehen. Ande-
re hingegen verstehen kaum, wa-
rum man dafür bezahlen würde
in karger, primitiver Unterkunft
zu schlafen wie einst die Sassi-
Bewohner in alten, ärmeren
Zeiten. Doch der minimali-
stischer Anschein trügt. Kerzen-
schein erhellt den Eingang, so
nimmt der Betrachter zunächst
keinerlei moderne Merkmale
wahr und es wurden alle Be-
triebseinrichtungen inOriginal-
materialien wie Holz oder Eisen
ausgeführt. Es gibt keinen Fern-
seher oder Kühlschrank für die
Minibar und hier drinnen auch
keinen Handyempfang. Doch
gerade darin besteht der Reiz,
man kann komplett abschalten.
Die Höhlen wurden tatsächlich
mit einer unsichtbar eingefügten
Verkabelung sorgfältigst restau-
riert. Erst auf den zweiten Blick
erschließt sich der wahre Luxus:
Fußbodenheizung und edle, un-
auffällig in den Fußboden inte-
grierte Armaturen. Das Bett und
Kein Wunder, dass
Matera oft als Filmkulisse
für antike Städte dient
2004 in Mel Gibsons
Die Passion
Christi
.
So einzigartig die Atmosphä-
re des alten Viertels auch ist, in
den verwinkelten Gassen kann
man sich schnell verlaufen. Auch
wir hatten große Schwierig-
keiten unser Hotel Le Grotte del-
la Civita zu finden. Doch auf die
Freundlichkeit und Hilfsbereit-
schaft der Süditaliener ist Ver-
lass. Ein Mann, der in seinem
Steinmetzbetrieb arbeitete – im
Prinzip nicht viel mehr als eine
Höhle mit eiserner Tür – stand
sofort auf und schloss seinen Be-
trieb ab, um uns durch die Sassi
zu führen, als wir ihn nach Aus-
kunft fragten. Entlang schmaler
Kopfsteinpflastergassen
und
über kleine Piazze führte uns der
nette Herr Mimo (kurz für Mas-
simo) und erzählte uns derwei-
len, wie sehr sichMatera über die
Jahre verändert hat. „Damals, als
ich ein Kind war, konnte man
nicht so problemlos auf den Stra-
ßenwandeln. Es sah hier eher aus
wie in Machu Picchu“, sagt er,
„mit Steinblöcken, die aus dem
Boden ragten. Eine verlorene
Stadt.“ Heute sind die Straßen
mit den alten, ausgegrabenen
Steinen, dem historischen Vor-
bild entsprechend, sauber gepfla-
stert. Francesco Festa, ein ande-
rer Passant mit dem wir auf der
Suche nach unserem Hotel ins
Gespräch kamen, erzählte uns,
dass seine Familie einst mit Pfer-
den und anderen Tieren in ihrer
Höhlenbehausung lebte. „Ich
war eins von zehn Kindern“, sagt
er. „Aber wir wohnten in nur
einem Zimmer. Ich habe in der
untersten
Schublade
des
Schranks geschlafen.“
Als wir schließlich im Le
Grotte della Civita ankommen,
hebt es sich von außen kaum von
den umgebenden Steinhäusern
ab. Es ist Teil des Sextantio Pro-
jekts, einer Idee des italienisch-
schwedischen
Bauunterneh-
mers und PhilantrophenDaniele
Kihlgren, der es sich zur Aufgabe
gemacht hat, zerfallende italie-
nische Häuser und Dörfer zu
kaufen, um sie originalgetreu zu
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—GW