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andelkekse mit Fleisch-Schoko-
füllung, schwarze Schokolade mit
bis zu 100 Prozent Kakaoanteil
und mit Honig gesüßte Orangen-
schalen: Die Schulkinder, die die
Antica Dolceria Bonajuto im sizi-
lianischen Modica besichtigen,
verziehen die Gesichter. Als sie
hörten, dass sie während ihrer
Klassenfahrt eine alte Süßig-
keitenmanufaktur
besichtigen
würden, hattendieTeenager nicht
damit gerechnet, dass es in dem
kleinen, holzvertäfeltenLadengar
nichts wirklich süßes geben wür-
de. Ihre an Gummibärchen ge-
wöhntenGeschmacksnervensind
für solche ausgefallenen Speziali-
tätenwenig zu begeistern.
Pierpaolo Ruta, der die Dol-
ceria amCorsoUmberto I, Num-
mer 159 in sechster Generation
führt, kann mit der Ablehnung
seiner jungen Besucher leben.
Sein Geschäft floriert und wird
in jedem guten Reiseführer über
Sizilien empfohlen. Neben den
Touristen, die die Spezialitäten
aus Kakao probieren und tüten-
weise kaufen, beziehen auch die
ortsansässigen
Weinhändler
und Gastronomen seine Pro-
dukte. „Sizilien ist bekannt für
seine Desserts und Süßigkeiten“,
erklärt er. „Die Region umModi-
ca ist für viele das süße Zentrum
der Insel. Hier stellen wir Deli-
katessen her, die einzigartig in
ganz Italien sind.“ Das liegt da-
ran, dass die Gegend um die Ba-
rockstadt einmal spanisches Ge-
biet war. Die Spanier brachten
die traditionelle Schokoladen-
herstellung der Azteken nach
Vorige Seite: Modicas San Giorgio Dom.
Diese Seite im Uhrzeigersinn: ein Dolciere
der Antica Dolceria Bonajuto bei der
Arbeit; die Familie Bonajuto; Pierpaolo
Ruta vor seiner Schokoladenmanufaktur;
ein malerischer Blick über Modica;
verschiedene Schokoladen zum Probieren
Previous page: Modica’s San Giorgio
Cathedral. This page clockwise: a dolciere
at Antica Dolceria Bonajuto at work; the
Bonajuto family; Pierpaolo Ruta; a view
over the rooftops of Modica; different
chocolate varieties for tasting
Italien. In Modica ist diese Tra-
dition bis heute lebendig. Die
Schokolade, auf deren Produk-
tion die Antica Dolceria Bonaju-
to mit ihren zehn Angestellten
spezialisiert ist, hat mit Indus-
trieware nichts zu tun. Zwar wer-
den die Bohnen nicht mehr per
Hand durch Reiben auf einem
heißen Sandstein zerkleinert,
wie es zu Gründungszeiten im
späten 19. Jahrhundert noch üb-
lich war. Doch auch heute noch
erhitzen die Dolcieri die zersto-
ßenen Kakaobohnen nur auf 45
Grad. Das reicht aus, um die Ka-
kaobutter zum Schmelzen zu
bringen, ohne den enthaltenen
Zucker aufzulösen. Die Schoko-
lade wird nicht, wie hierzulande
üblich, conchiert, also über ei-
nen langen Zeitraum erhitzt und
gerührt. So bleibt der ursprüng-
liche Geschmack des Kakaos be-
stehen. Die Herstellung erklärt
auch, warum die Schokoladen
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