C I T Y B R E A K
L I S B O N
KommenSiemit auf
einenRundgangdurch
Lissabon – ganz imZeichen
des Kaffees. Denn kein anderes
Ritualwirdhier sogepflegtwie
der kultivierteKaffeegenuss
T E X T — M A R K E H R M A N
F O T O G R A F I E —
T I M W H I T E
Portugiesische
Kaffeekultur
„
Sie möchten wis-
sen, wo Sie einen gu-
ten Kaffee bekommen?“
Alfonse, gebürtiger Lissa-
bonner, der mir gerade dabei
half, die Speisekarte eines Re-
staurants zu interpretieren, sieht
mich ungläubig an. „Na, hier natürlich“,
sagt er, und zeigt mit dem Finger um sich. „Hier,
überall!“ In Portugal, erklärt er mir, sei Kaffeetrinken „ein so-
ziales Ritual und eine Tradition“. Selbst der schäbigste U-Bahn-Kiosk
würde es nicht wagen, minderwertiges Gebräu zu verkaufen.
Kathedralen und Burgen besichtigen ist schön und gut. Doch mei-
ne schönsten Urlaubserinnerungen entstehen immer davor oder da-
nach – oft bei einer Tasse köstlichem Kaffee an den stimmungs-
vollsten, schönstenoder landestypischstenOrten, die ichfinden kann.
Und in Lissabon, einer der Kaffeemetropolen Europas, kann ich diese
Momente praktisch ununterbrochen erleben.
Die kleinste Portion Kaffee heißt
bica
– ein Espresso, der meist mit
reichlich Zucker zu sich genommen wird. Varianten wie Cappuccino
undLatte sind natür-
lich auch erhältlich
und bekannt, obwohl sie
hier oft einen anderen Na-
men tragen (siehe Seite 53).
Preislich geht es in einer ty-
pischen
pastelaria
(Bäckerei/Kondito-
rei) bei 0,55 Euro pro Tasse los, aber auch im
nobelsten Café kostet das Vergnügen nicht mehr
als 1,50 Euro (größere, aufwändigere Kaffeespezialitäten sind
etwas teurer) – und ist damit ein Genuss, den ich mir ohne weiteres
gönnen kann, ohne die Urlaubskasse allzu stark zu strapazieren.
Zu einemKaffee gehört in Portugal außerdemein pastel (Pural: pa-
stéis) – ein Klecks Vanillecreme in einer luftigen Blätterteighülle.
Letztere ist an einigen Stellen leicht angebrannt, was demGebäck ein
dezentes Raucharoma verleiht, das wiederumperfekt zu einemkräfti-
gen Kaffee passt.
In der Nähe des Rossio liegt das Café Confeitaria Nacional. Bereits
1829 eröffnet, ist es eins der ältesten Cafés der Stadt. Als ich den Gast-
raumbetrete, empfängtmich ein goldener Lichtschein, der hauptsäch-
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