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Wie sehen Sie die Zukunf t des
MDR-Sinfonieorchesters?
Für mich hat Leipzig mit seiner einma-
ligen Kulturgeschichte eine absolute Vor-
bildfunktion, speziell bei der klassischen
Musik. Hier wurde das erste Konzertor-
chester vom Bürgertum für das Bürger-
tum gegründet und das MDR Sinfonie-
orchester ist das älteste Radio-Orchester
Deutschlands. Ich möchte aus dem
MDR-Orchester ein multimediales, fort-
schrittliches Kulturzentrum machen, so-
zusagen eine Version für das 21. Jahr-
hunderts. Denn ich finde, Kunst sollte
kein elitäres Erlebnis sein - hauptsäch-
lich dient sie der Unterhaltung.
Die klassische Musikbranche ist
eher konservativ. Wie wollen Sie
neue Elemente einführen und ein
breiteres Publikum ansprechen?
Wir werden beispielsweise die Film-
musik zu Tom Tywkers neuem Film
Cloud Atlas
mit Tom Hanks, Halle Berry
und Susan Sarandon einspielen. Darum
habe ich den Komponisten und DJ Gene
Pritsker gebeten, die Filmmusik in ein
Sinfonieformat umzuschreiben, das wir
auch live spielen können. In der Klassik
gilt neue Musik zu oft als unzugänglich.
R I G H T N O W
P E O P L E
GW—
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Musik fürs Volk
Kristjan Järvi ist ein Visionär. Der estländische
Dirigent ist Gründer der Baltic Youth Philharmonic,
einem Orchester für junge Musiker vom Balkan. In
seiner Rolle als neuer Chefdirigent des MDR-
Sinfonieorchesters in Leipzig ebnet er den Weg,
das Orchester zu einem der innovativsten des
Landes zu machen – ganz im Sinne der
ausgeprägten musikalischen Tradition der Stadt
Sie ist etwas, das die Menschen hinter
sich bringen möchten, um die Stücke
hören zu können, die sie schon kennen.
Aber wir sollten daran denken, dass
Beethoven anfangs auch nicht beliebt
war. Aber dann wurde er der Popstar
seiner Zeit.
Apropos Popmusik – was haben Sie
auf Ihrem iPod ?
Ich liebe das Black-Eyed-Peas-Album
The E.N.D. Tatsächlich passieren in der
Popmusik derzeit die interessantesten
Dinge. Die Musik ist melodisch, gefühl-
voll und gut produziert. Dahin muss
auch die Klassik zurück. Zurück zu ihren
Wurzeln, als sie noch Popmusik fürs
Volk war. Warum sonst schrieb Mozart
27 Pianokonzerte hintereinander? Weil
er Hitmelodien produzierte, Schlager für
seine Fans. Dorthin gehört Klassik.
Sie stammen aus einer sehr musika-
lischen Familie – Ihr Vater sowie ihr
Bruder sind ebenfalls Dirigenten. Wel-
che Musik haben sie zu Hause gehört?
Nun, in Estland gehörten wir zur Sow-
jetunion, abgeschnitten von westlicher
Musik. Aber zum Glück konnten wir fin-
nisches Fernsehen empfangen. Mein
Vater zeigte uns ABBA und ich glaube
immer noch, dass Benny Andersson der
Mozart seiner Zeit war.
Wie gefällt Ihnen das Leben in
Leipzig?
Ich finde es toll, wie jung und lebendig
die Stadt ist. Das Schöne an Deutsch-
land ist sein reiches Kulturerbe. In Sa-
chen Musik und Literatur war Deutsch-
land schon immer das zent ral-
europäische Kraftpaket. Und Leipzig hat
eine wichtige Rolle gespielt. Schließlich
haben sie Bach.
Trotzdem haben Sie für Ihre erste
Spielzeit eine recht ungewöhnliche
Komponisten-Mischung zusammen-
gestellt , mit einem deut lichen
Schwerpunkt auf osteuropäischen
Komponisten.
Ja, ich glaube, in diesem Teil
Deutschlands hieß es zu oft, dass das
Beste aus dem Westen kommt. Ich fin-
de, es ist an der Zeit, die talentierten
T E X T — K E R S T I N Z U M S T E I N
Foto: Edith Held MDR