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Herr Kempf, Sie sind Pilot bei der Ger-
manwings und arbeiten gleichzeitig
als Arzt. Wie kam es, dass Sie diese
zwei Berufe gleichzeitig ausüben?
Das Ziel, Berufspilot zu werden, hatte ich
schon während meiner Schulzeit. Als ich
dann mein Abitur bestanden hatte, ließen
unter anderem die Kriegsgeschehnisse
im Nahen Osten den Ölpreis in die Höhe
schnellen und belasteten die Airlines, so
dass keine Piloten gesucht wurden. Durch
den Zivildienst konnte ich eine Ausbildung
zum Rettungssanitäter machen und habe
gemerkt, dass ich gut mit Menschen um-
gehen kann und dass auch die Notfall-
medizin eine ungeheure Faszination auf
mich ausübt. Also studierte ich zunächst
Medizin. Aber auch noch während des
Studiums bin ich immer wieder auf die
Besucher terrasse des Frankfur ter
Flughafens gefahren, ummir meine Nase
an der Scheibe „platt zu drücken“ und
Flugzeugen bei Start und Landung zu zu-
gucken. Mit meinem ersten Gehalt als
Arzt bin ich an einen kleinen Flugplatz
gefahren und habe mich für einen Privat-
pilotenschein angemeldet.
Noch während Sie an Ihrer Doktorar-
beit geschrieben haben, haben Sie an
Ihrer Pilotenlizenz gearbeitet. Konn-
ten oder wollten Sie sich nicht für ei-
nen von be i den Be r u f en
entscheiden?
Doch, ich treffe auch heute in beiden
Berufen ständig Entscheidungen. Bereits
der Ausbildungsweg zum Piloten war ja
schon eine bewusste Entscheidung
dafür, den Beruf noch zu erlernen. Schon
bevor die Pilotenausbildung beginnt,
G E R M A N W I N G S
P E R S Ö N L I C H K E I T E N
MITUNIFORMUND
KITTEL IMSCHRANK
Karsten Kempf, 38 Jahre, fliegt seit 2010 als Copilot auf den Airbussen
A319 der Germanwings. Seine Ausbildung zum Piloten begann er,
nachdem er sein Medizinstudium beendet hatte. Karsten Kempf ist
Pilot und nebenbei noch praktizierender Arzt
hilft es schon, die medizinische Sprache
eines Hilfe leistenden Arztes in unser
Fliegerdenken zu übersetzen. Teilweise
konnte ich auch bei medizinischen
Zwischenfällen an Bord der in erster Hilfe
sehr gut ausgebildeten Kabinenbesat-
zung ein paar Tipps geben.
Sowohl Arzt als auch Pilot sind keine
Berufe mit geregelten Arbeitszeiten.
Wie passen Ihre Schichten zusammen
und wonach richten sich diese?
Als erstes zählt bei mir die Arbeitszeit als
Pilot, in den freien Tagen darf ich in einem
gewissen Rahmen ärztlich tätig sein. Jeder
Pilot kann bei Germanwings bis Anfang
eines Monats Wünsche für seine Arbeits-
zeiten äußern. Das betrifft sowohl Einsatz-
tag als auch Früh- oder Spätschichten.
Mitte des Monats erhalte ich dann eine rel-
ativ verlässliche Vorabinfo, so dass ich zu-
mindest freie Tage einplanen kann. Die
Flugziele können dann noch variieren. Im
Winter ist das Flugaufkommen weniger in-
tensiv, während es in der Sommerzeit mit
den Urlaubsflügen hoch hergeht.
Das klingt nicht nach allzu viel Frei-
zeit. Was machen Sie, wenn Sie nicht
gerade arbeiten?
Sie werden lachen, aber seitdem ich fliege,
habe ich mehr Zeit. Es ist die Definition der
Zeit. Als Pilot habe ich teilweise anstren-
gende Tagemit vier relativ langenStrecken.
Dennoch nehme ich, anders als früher im
Arztberuf, keine Arbeit mit nach Hause. Wir
schließen unsere „Flugtüte“ mit allen Un-
terlagen, versiegeln den Flieger und gehen
Heim. Auch die Flugzeiten sind als nahezu
stabil anzusehen, da eine Flugstrecke eine
relativ konstante Zeitdauer hat. Die großen
Verspätungen entstehen am Boden
– Abfertigung und die sogenannten Slots.
Meine Freizeit gehört meiner Familie. Ich
bin stolzer Vater von zwei Söhnen und
glücklich verheiratet (mit einer auch flieg-
enden Frau). Da wird es nicht langweilig!
Seit 2002 sind Sie Pilot. Sie feiern also
genau wie die Germanwings dieses
Jahr das 10-jährige Jubiläum. Gab es
besondere Ereignisse, die Ihnen wäh-
rend Ihrer Zeit bei der Germanwings in
Erinnerung geblieben sind?
Für mich wird immer mein Landetraining
am Flughafen Rostock in Erinnerung
bleiben. Dabei fliegt man das erste Mal ein
echtes Verkehrsflugzeug. Vorher war alles
„nur“ im Simulator. Man dreht seine
Platzrunden in 1500 Fuß (500 Meter) über
dem Flugplatz. Das erste Mal spürt man
auch die Kraft des Flugzeuges bei den Du-
rchstartmanövern. Andererseits ist es
jeden Morgen ein Erlebnis, wenn man in
trübem nebligem Regenwetter in der Mor-
gendämmerung startet und keine drei Mi-
nuten später die Sonnenbrille aufsetzt, um
den Sonnenaufgang über denWolken in al-
len Farben zu erleben. Ein Traum…
DOCTOR
ON BOARD
After completing a degree in medicine,
Karsten Kempf, 38, undertook pilot’s
training. He has been a Germanwings
Airbus A319 co-pilot since 2010 and is
also a part-time doctor.
You’re a Germanwings pilot and a part-
time doctor. How did you end up wor-
king in both these professions?
I’d wanted to be a professional pilot
werden angehende Flugschüler auf ihre
Fähigkeit, Entscheidungen allein und im
Team zu treffen, von Psychologen unter-
sucht. Und wenn sich Ihnen eine Chance
bietet, Ihre Faszination zum Beruf zu
machen, so wie es bei mir war, dann ist
die Entscheidung schon gefallen.
Was sind die Herausforderungen in
Ihren jeweiligen Berufen?
Die Herausforderung stellen Sie immer
wieder an sich selbst, indemSie Ihrer Arbeit
Qualität geben. Hinter beiden Berufen
steckt ein schier endlosesWissen, welches
man vertiefen kann. Aber in beiden Berufen
ist die größte Herausforderung der Umgang
mit Menschen, in normalen aber auch teil-
weise nicht alltäglichen Situationen. Die
Herausforderung, eine Sach- und zielorien-
tierte Kommunikation aufzubauen, ist in
beiden Berufen ein Hauptziel.
Gibt es Parallelen?
Oh ja. Ich vergleiche einen Flug gern mit
einer Narkose. Wir haben vor jedem Flug
ein sogenanntes Briefing, eine Besprec-
hung mit der gesamten Besatzung vor
dem Flug. Das entspricht der Patienten-
vorgeschichte (Anamnese). Sowohl Flug-
start als auch Narkoseeinleitung sind kri-
t i sche Si tuat ionen, die hohe
Aufmerksamkeit und gutes Teamwork
erfordern. Der Reiseflug ist, genau wie die
laufende Narkose, im Normalfall ents-
pannt. Zur Landung und zur Narkoseau-
sleitung muss nochmals volle Konzentra-
tion von allen aufgebracht werden.
Gab es Situationen, in denen Sie Ihr
Wissen aus dem einen Beruf im ande-
ren nutzen konnten? Beispielsweise
medizinisches Wissen an Bord?
Ja auch das habe ich schon erlebt. Oft
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—GW