Page 78 - gw Magazine: October 2012

Schweiger den schönsten Mo-
ment meiner Karriere beschert.”
Und damit meint er nicht den
deutschen Filmpreis, den er 1997
für seine Rolle als Abdul, dem
Türken, in
Knockin' on Heaven's
Door
gewann. Rückblickend war
dies Bleibtreus großer Durch-
bruch und die erste Zusammen-
arbeit der beiden Kinogrößen,
die noch heute die deutsche
Filmszene nachhaltig prägen.
Der Moment, als Til mich
nachts um eins anrief und sagte,
dass ich die Rolle spielen werde,
war mit einemGlücksgefühl ver-
bunden, das ich in meiner beruf-
lichen Laufbahn so nie wieder
M O R I T Z B L E I B T R E U
erlebt habe. Das muss noch ge-
toppt werden.” Bleibtreu strahlt.
Sein berühmtes, sympathisches
Kassenschlager-Lächeln ist ein-
fach in seiner Natur.
Wie hat sich Deutschlands
Strahlemann auf die Rolle des
behinderten Rudi vorbereitet,
der nach einem Afghanistan-
Einsatz im Rollstuhl sitzt? „Ich
bin ja eher ein Bauch- als Kopf-
schauspieler. Aber wir hatten
zumGlück auchFelixmit amSet,
der mit 18 seine Beine durch ei-
nen Unfall verlor und mich ge-
doubelt hat. Ich konnte ihm Fra-
gen stellen und es war unglaub-
lich ermutigend, mit was für ei-
ner Kraft und Selbstverständ-
lichkeit er mit diesem Schicksal
umgegangen ist.” DieHerausfor-
derung bei der Rolle war nicht
nur die Behinderung zu spielen,
sondern vor allem, in welchem
Kontext sie entstand. Bleibtreu
gibt zu, dass er sich zuvor der
Thematik der Soldateneinsätze
zu einem bestimmten Grad ver-
schlossen hatte, weil er ein Ge-
waltgegner ist.
Grundsätzlich wird Krieg in
Deutschland aus verständlichen
Gründen nicht oft thematisiert.
Den Begriff Veteran verbindet
man in allererster Liniemit Ame-
rika.”Der Filmgreift das Problem
dieser Begrifflichkeit auf. Als die
Hauptfigur den Krieg in Afgha-
nistan erwähnt, fragt dasWaisen-
mädchen: „Welcher Krieg?”. Für
Bleibtreu ist dieser Punkt ganz
zentral: „Wenn Soldaten mit
schutzsicheren Westen und Pan-
zer durch die Gegend fahren und
inSchießgefechte verwickeltwer-
den, dann ist man es ihnen schul-
dig zuzugeben, dass es sich um ei-
nen Krieg handelt und nicht nur
um einen ‘Einsatz’. Im Sinne der
Genfer Konvention ist das viel-
leicht kein Krieg, aber wie soll
man das denn sonst nennen?”
Bleibtreu redet ganz frei und
ist sichtlich vom Filmstoff be-
troffen. Bevor der Film in die Ki-
nos kam, ist Til Schweiger nach
Afghanistan gereist und hat den
Film dort den Truppen gezeigt.
Viele Medien haben das als
Imagepromotion
kritisiert,
Bleibtreu
hingegen
nimmt
Schweiger sofort in Schutz: „Das
ist alles Quatsch. Til macht das,
weil es ihm persönlich nahe
geht. Er hat eine unglaubliche
Kraft, die richtig ansteckend ist.
Er macht alles aus Leidenschaft,
Liebe und Überzeugung.” Ähn-
lich verhält es sich mit dem The-
ma, dass Schweigers Kinder in
seinen Filmen mitspielen. „Oft
wird auchmir das als Grundsatz-
frage gestellt. Aber Til macht
das, weil es einfach passt. Es gab
eine Geschichte mit einem
15-
jährigen
Mädchen,
Luna
wollte sie gern spielen undmacht
es dazu auch noch gut. Also, wie-
so nicht?” Bleibtreu meint, es
ginge Schweiger sicher auch da-
rum, mehr Zeit mit seiner Toch-
ter zu verbringen, was er als Fa-
milienmann gut verstehen kann.
Sein eigener Sohn (mit seiner
schwedischen Langzeitpartne-
rin Annika) ist erst vier Jahre alt,
aber Bleibtreu selbst hatte zu Be-
ginn seiner Karriere auch mit
seiner Mutter, der vor drei Jah-
ren verstorbenen Schauspielerin
Monica Bleibtreu, vor der Kame-
ra gestanden.
Generell scheint Bleibtreu
genervt von der Medienkritik
am
Erfolg
seines
Kollegen
Schweiger, vielleicht weil es ge-
gen Bleibtreus Natur ist, immer
nur alles zu verreißen: „Ich bin
I
mKino läuft derzeit
Schutzen-
gel
,
der neue Film von Til
Schweiger. Weg vom nied-
lichen Spaß der Keinohrhasen-
und
Zweiohrküken-Komödien
handelt es sich hier um ein
Actiondrama mit viel Geballer,
aber – im typischen Stil Schwei-
gers – auch vielen Emotionen.
Wieder einmal hat Schweiger den
Film produziert, führt Regie und
spielt zudem die Hauptfigur, ei-
nen ehemaligen Soldaten der
Bundeswehr-Eliteeinheit
KSK.
Dieser wird damit beauftragt ein
Waisenkind (gespielt vonSchwei-
gers Tochter Luna), das Zeugin
eines Mordes wird, zu beschüt-
zen. Die Geschichte ist vielleicht
nicht gerade Neustoff, aber die
Thematik, die vor allem mit
Bleibtreus Rolle des beinampu-
tierten Ex-Soldaten Rudi in den
Mittelpunkt gerät, ist inDeutsch-
land selten auf der Leinwand zu
sehen: dass deutsche Soldaten
sich in Afghanistan einer Kriegs-
situation aussetzen. Bleibtreu
brilliert in der tiefgehenden Rol-
le. Wir treffen uns mit Moritz
Bleibtreu in seiner Wahlheimat-
stadt Hamburg zumGespräch.
Eben noch die Zigarette aus-
gedrückt, setzt sich Bleibtreu
entspannt in seinem Stuhl zu-
rück: „Bis heute hat mir Til
Bleibtreu scheint genervt
von der Medienkritik an Til
Schweigers Erfolgen
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