Page 64 - untitled

Basic HTML Version

„B
ei Rock’n’Roll kannst du
nicht viel falsch machen,
wenn Du echt sauer bist“,
sagt Bruce Springsteen.
Als er der Welt in Paris sein
neues Album
Wrecking Ball
vor-
stellte, räumte der Künstler ein,
es mit politischer Wut im Bauch
geschrieben zu haben. „Bei mei-
ner Arbeit ging es schon immer
um die Einschätzung der Entfer-
nung zwischen der amerika-
nischen Realität und dem ameri-
kanischen Traum“, sagt er.
Und die ist laut Springsteen
heute größer als sie es in sei-
nem Leben je gewesen sei. Mit
der Finanzkrise „ist in der ame-
rikanischen Gesellschaft eine
enorme Bruchstelle aufgegan-
gen, deren Wirkungen wir jetzt
erst zu spüren beginnen“.
Wrecking Ball
ist das 17. Stu-
dioalbum der bodenständigen
US-Rockikone. Mit viel Sympa-
thie für die arbeitende Bevölke-
rung in den Klauen der Krise hat
Springsteen sein wohl bis jetzt
politischstes Werk veröffent-
licht. Der Titel („wrecking ball“
bedeutet so viel wie Abrissbirne)
spiegelt die „völlige Zerstörung
einiger amerikanischer Ideale
und Werte wider, die in den ver-
gangenen 30 Jahren stattgefun-
den hat. Es schien mir eine gute
Metapher zu sein.“
Auch wenn sein Album von
einemdunklen Zorn durchzogen
ist, wirkte Springsteen beim In-
terview zugleich entspannt, un-
terhaltsam und nachdenklich.
Auf die Frage, ob ihn seine Rolle
als Proteststimme belasten wür-
de, musste er zunächst herzlich
lachen. „Ich fühle mich nachts
sehr belastet, wenn ich in
meinem großen Haus schlafe. Es
bringt
mich
förmlich
um“,
scherzt er. „Das Rocker-Leben ist
brutal. Alles andere ist gelogen.“
Der Boss spricht auch über
seine Familie und Kindheit: Da-
rüber, wie er seinen Vater als
durch Langzeitarbeitslosigkeit
„seiner Männlichkeit beraubt“
erlebte. Was wiederum Spring-
steens Interesse an den poli-
B R U C E S P R I N G S T E E N
arbeitendenMannes angegriffen
und untergraben wird, sondern
auch von der Erkenntnis, dass
diese Angriffe vielleicht der
zwangsläufige politische Aus-
druck des Wesens der Nation
sein könnten.
Immer wieder stellt Spring-
steen dem ehrlichen Arbeiter
Banker, Bonzen und „Räuberba-
rone“ gegenüber. „Es hat ein
schändlicher Diebstahl stattge-
funden, der das Herz der ameri-
kanischen Idee getroffen hat“,
sagt Springsteen. „Und niemand
wurde verantwortlich gemacht.“
Trotzdem gibt es für ihn An-
lass zu Optimismus. „Die Bewe-
gung Occupy Wall Street hat viel
dazu beigetragen, den nationalen
Dialog zu verändern. Eine Weile
lang hat die Tea Party dieDiskus-
sion bestimmt, aber jetzt reden
die Menschen über wirtschaft-
liche Gleichberechtigung. Diese
tischen Ursachen erweckte. Sei-
ne Texte seien deshalb nur „eine
Unterhaltung mit mir selbst“.
Springsteen
kommentiert
zwar schon immer die Kehrseite
des
amerikanischen
Traums,
doch auf diesem Album klingt er
enttäuscht, wütend und hin und
wieder sogar wie am Rande der
Niederlage. Es ist sein Kommen-
tar zur New Depression, zur neu-
enWeltwirtschaftskrise.
Trotz der rockigen Energie
und hymnischen Qualitäten des
ersten Titels
We Take Care of Our
Own
, kehrt Springsteenmit
Wre-
cking Ball
nicht zu den Wurzeln
des E-Street-Rock zurück, wie er
es in den vergangenen Jahren tat.
Stattdessen bedient er sich der
rauen Töne aus den Tagen der
Seeger-Sessions, zitiert Gospel,
Folk und Blues, nutzt Drum
Loops und kokettiert mit Hip-
Hop – all das in einem schnörkel-
losen Mix, der Richtung Gesang
gewichtet ist. Springsteen baut
eine Brücke zwischen Vergan-
genheit und Gegenwart und lässt
zeitlose Kompositionen brand-
aktuell klingen.
Zu hören ist ebenfalls ein
Saxofon-Solo seines alten, im
Juni 2011 verstorbenen Wegge-
fährten
Clarence
Clemons.
„Clarence habe ich kennenge-
lernt als ich 22 war – so alt wie
mein Sohn, eher noch ein Kind.
Zwischen uns entstand etwas
Besonderes, etwas, das meine
Fantasie anregte. Clarence zu
verlieren war für mich daher ein
elementarer Verlust, als ob etwas
Grundsätzliches wie die Luft
oder der Regen nicht mehr da
wäre. Es fehlt einfach etwas. Wir
hatten Glück, ihn für
Land of
Hope and Dreams
engagieren zu
können. Wenn das Saxofon-Solo
losgeht, ist das für mich einwun-
derschöner Moment.“
Kurz gesagt wird in Spring-
steens Musik auf eine urameri-
kanische Art der heroische Un-
derdog zelebriert. Aber seine
Stimmung hat etwas Düsteres,
das nicht nur von demGefühl ge-
nährt wird, dass die Würde des
« Das Rocker-Leben
ist brutal. Alles
andere ist gelogen »
64
—GW