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Z U G S P I T Z E
E
s gibt Furcht einflößende Routen auf die Zugspitze, Deutsch-
lands höchstem Gipfel, die den Bergsteigern mit gegerb-
ten Gesichtern vorbehalten sind. Es gibt auch gesicherte
Klettersteige für ambitionierte Wochenend-Alpinisten. Doch vor
allem der Weg durch das Reintal ist familientauglich und obwohl
es die längste Route ist, bringt es jedenWanderer bei guterWetterlage
auf den Gipfel. Es ist der gleiche Weg, den auch Leutnant Josef
Naus und sein Bergführer JohannGeorg Tauschl 1820 für die Erstbe-
steigung nahmen.
VomOlympiastadion inGarmisch-Partenkirchen ist es gerademal
ein halbstündiger Fußmarsch, bis sich diemächtigenAlpen vor einem
auftun. Wer auf Deutschlands höchsten Gipfel will, muss hier unten
auf 830 Höhenmetern erstmal
durch die dunkle nasse Klamm
der Partnach, dem Gebirgsfluss
der dem Bergmassiv oben auf
1.440Metern entspringt.
Links und rechts erheben
sich steile Felswände bis zu 80
Meter über den schmalen Fels-
pfad, neben dem das Wasser bro-
delt und tost. Die Luft ist feucht
und Gischt spritzt einem aus
dem Bachbett ins Gesicht. Es
geht Stufen hinauf und durch
enge Höhlen hindurch, von de-
ren Decken es stetig tropft. Es
lohnt die Regenjacke und am be-
sten auch eine Taschenlampe be-
reit zu halten.
Nach 700 Metern endet das
Spektakel überraschend, und
plötzlich eröffnet sich das idyl-
lische Reintal dem Blick, einge-
rahmt von den mächtigen Zwei-
tausendern Alpspitze und Drei-
torspitze. Der Partnach entlang
geht es nun gemächlich über ei-
nen Schotterweg stetig aufwärts.
Damals machten die Erstbe-
steiger Zwischenstation auf der
Angerhütte, die zu der Zeit nur
eine kleine Hirtenunterkunft
war. Heute stehen auf 1.369 Metern Sonnenschirme auf dem Rasen
undMountainbikes reihen sich vor dem zweistöckigen Berghaus. Im
Innern drängen sich die Gäste. Pro Saison werden hier 7.000Wande-
rern deftige Küche und einfache Unterkunft geboten. Die Reintalan-
gerhütte hat 20 Betten und 70 Schlafplätze im Gemeinschaftslager,
ausgestattet nur mit Wolldecken. Wer hier nächtigen will ist gut bera-
ten, sich rechtzeitig einen Schlafplatz zu sichern.
Bekannt ist die Hütte für den Weckruf noch vor der Dämmerung:
DerWirt holt seine Gäste mit sanften Klängen von Zither und Akkor-
deon aus dem Schlaf. Wem das nicht reicht, ist spätestens nach der
Morgentoilette hellwach. Denn es gibt zwar fließendWasser, aber das
ist mindestens so kalt wie die Partnach draußen vor der Tür.
SportlicheWanderer nächtigen nicht in der Reintalangerhütte son-
dern gehenweiter bis zur Knorrhütte und knacken so die 2.000Meter-
Marke gleich am ersten Tag. Wer sich dazu entschließt, hat dann stolze
1.200 Höhenmeter in den Beinen, wobei zum Ende hin nicht nur die
Kräfte schwinden, sondern auch das Gelände immer steiler wird. Das
ist aber halb so wild, bedenkt man, dass diejenigen, die in der Reinta-
langerhütte geblieben sind, am nächsten Tag noch 1.600 Höhenmeter
bis zumGipfel vor sich haben.
Aber nicht nur deswegen ist
die Knorrhütte motivierender
für den Endspurt. Nach dem
achtstündigen Bergmarsch hat
man hier zumerstenMal das Ziel
vor Augen: Im Abendlicht ist
endlich der Gipfel der Zugspitze
hinter den schroffen Hängen des
Reintals zu erkennen. Ein Helles
und ein Enzian noch – dann sind
die meisten reif fürs Matratzen-
lager, in dem Ohropax für eine
geruhsame Nacht unbedingt
notwendig sind.
Wer es an einem Tag bis zur
Knorrhütte geschafft hat, darf es
am nächsten Tag etwas geruh-
samer angehen lassen. Der Wald
liegt nun unten im Tal, weiter auf-
wärts gibt es nur noch Schnee-
felder, Geröll und schroffeHänge.
Gleich zu Beginn windet sich der
steinige Pfad im Zickzack hinauf
aufs Platt, dass wie eineWüste vor
einem liegt. Im Winter herrscht
hier Pistengaudi. Ist der Schnee
geschmolzen, wirkt das Selbstbe-
dienungs-Restaurant an den ver-
waistenPistenüberdimensioniert
und fehl am Platz. Wanderer las-
sen es links liegen undmachen sich vonhier aus an denSchlussanstieg.
Ein Blick nach oben lässt gleich erahnen, dass es nun ab 2.580
Metern am Schwersten wird. Eine steile Geröllhalde führt hinauf.
Für drei Schritte bergan rutscht man einen wieder hinab. Schließ-
lich auf dem Grat angelangt, liegen rechts und links vom Steig tiefe
Abgründe. Mancher freut sich über die Drahtseil-Sicherung, die
einem ständig als Geländer dient. Zum Greifen nah scheinen nun
Die Reintalroute
nahmen schon 1820
die Erstbesteiger
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