T A R I F A
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chon für die alten Griechen hatte die Straße von Gibraltar, der
dünne Meeresstreifen zwischen Europa und Afrika, eine be-
sondere Bedeutung. Sie glaubten, dass zwischen denSäulen des
Herakles - dem Felsen von Gibraltar und dem Dschebel Musa Berg in
Marokko - das Ende der bekanntenWelt lag. An dieser Stelle treffen die
tektonischen Platten Europas und Afrikas aufeinander, um eineMeer-
enge zu formen, die zwar nur 14Kilometer breit, aber bis zu 1.000Meter
tief ist. Dadurch hat sich hier ein einzigartiges Ökosystem gebildet.
Trotz des regenSchiffverkehrs anderGrenze zwischenMittelmeer und
Atlantik gibt es hier zahlreicheWale undDelfine.
Katharina Heyer wird ihren ersten Besuch in Tarifa nie vergessen.
„Während der Bootsfahrt wurde der Himmel düster, doch über dem
schwarzen Mittelmeer war ein goldfarbener, wolkenfreier Streifen zu
sehen, in dem drei Delfine in einer Herzform sprangen. In dem Mo-
ment wurde mir klar, dass dies ein magischer Ort ist.“ Dieses Erlebnis
bewegte die Schweizer Modedesignerin Heyer zur Gründung einer
Stiftung für Information über Meeressäugetiere, names FIRMM
(Foundation for Information and Research on Marine Mammals) in
Tarifa, dem südlichsten Punkt Westeuropas, das 118 Kilometer südlich
von Jerez de la Frontera liegt. Von Ende März bis Ende Oktober bietet
ihr Verein täglich Fahrten an, umDelfine undWale zu beobachten.
Dass es in der Meerenge vor Gibraltar besonders viele Delfine und
Wale gibt, hängt mit der Geografie zusammen. Denn in der einzigen
Verbindung zumAtlantik treten starke, wechselhafte Strömungen auf.
Das Wasser im weniger tiefen Mittelmeer verdunstet schneller als das
Wasser des Atlantiks, wodurch es einen höheren Salzgehalt bekommt.
Leichteres Atlantikwasser (mit weniger Salzgehalt) strömt nahe der
Oberfläche ostwärts, darunter fließt das schwerere Wasser des Mittel-
meers in denAtlantik. Wo dieWassermassen imbis zu 1.000Meter tie-
fen Kanal am Meeresgrund aufeinandertreffen, werden viele Nähr-
stoffe freigesetzt, die zahllosenMeeresbewohnern als Lebensgrundla-
ge dienen. Ideale Bedingungen auch für Meeressäuger. Drei Delfin-
arten (derGewöhnlicheDelfin, Blau-WeißerDelfinundGroßerTümm-
ler) und Grindwale sind hier das ganze Jahr über zu sehen, während
Finnwale, Orcas undPottwale imSommer indieseGewässer kommen,
auf der Suche nach ihrer Lieblingsnahrung: Riesenkalmare.
FIRMM kombiniert Forschungs- und Ausflugsfahrten und ist der
am besten ausgestattete Anbieter mit eigenen Booten. AmAnfang der
zweistündigen Bootsfahrt erhalten die Teilnehmer eine umfassende
Einführung in mehreren Sprachen. Falls keine Wale oder Delfine ge-
sichtet werden, können die Gäste an einem anderen Tag gratis noch
einmal fahren – aber das kommt äußerst selten vor. Sobald das Boot
startet, fällt einweitererAspekt diesesMeeresgebiets auf: DieMeeren-
ge von Gibraltar ist eine der vielbefahrensten Wasserstraßen der Welt
– rund 300 Schiffe passieren sie täglich (ostwärts auf marokkanischer
Seite, westwärts auf spanischer Seite). Doch sobald die nördliche
Schifffahrtsstraße überquert ist, kann man im zentralen Kanal die
Meeresbewohner sichten. Und wenn man die Flosse eines Finnwals
sieht, raubt es einemfast denAtem. DieTiere zeigen sichungestört und
nicht selten kommen dieWale ganz nah ans Boot, umes zu inspizieren.
Wale und Delfine sind intelligent genug, die großen Container-
frachter und langsamen Fischerboote zu meiden. Die größte Gefahr
droht ihnen von schnellen Sportfischerbooten, die oft nicht die Ge-
schwindigkeitsbegrenzungen einhalten.
FIRMM kann unter den Walen bereits viele „alte Bekannte“ iden-
tifizieren und kürzlich beobachteten Mitarbeiter einen Vorfall, bei
dem ein Pottwal das Boot der Forscher benutzte, um seine beiden
Kälber „abzuschirmen“, während er davonschwamm und andere,
Pottwale kann man in der Meerenge von
Gibraltar vor allem im Sommer sehen
Sperm whales can mainly be found in the
Strait of Gibraltar during the summer months
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