M A R I O A D O R F
“Icherinneremichnochandie
Zeit vor dem Fernsehen, als es bei
der Schauspielerei um Kumpanei
ging. Im Theater hat das Ensem-
ble nach den Proben zusammen
gesessen. Heute zieht es direkt
nach der Arbeit alle in andere
Richtungen.” Doch er selbst hat
schon früh gelernt, mit den Hö-
hen und Tiefen des Jobs umzuge-
hen. Adorf ist sogar ganz gernmal
allein, dann liest er oder schreibt.
Natürlich hat es auch immer ge-
holfen, dass er seine Frau hat, mit
der er seit 1985 in zweiter Ehe ver-
heiratet ist. Im Sommer leben Sie
in St. Tropez, im Winter in Paris,
oft ist er auch in München, davor
lebte er inRom. Einwahrer Euro-
päer. “Für mich ist Europa die
schönste Ecke derWelt.”
Wenn Adorf in die Zukunft
schaut, denkt er gar nicht daran,
mit der Schauspielerei aufzuhö-
ren. Ganz im Gegenteil, er re-
cherchiert gerade aktiv die Rolle
des Karl Marx. Das perfekte Ge-
Mario Adorf meint, dass es
nicht unüblich ist, das Schauspie-
ler nach Erfolgen in ein Loch fal-
len. “Es ist berufsimmanent, die-
ser Abfall der Spannung zwischen
Erfolg und Einsamkeit. Man fei-
ert im Theater einen Triumph,
und eine Stunde später hockt man
allein in der Wohnung, oder
schlimmer, in einem Hotelzim-
mer. Das ist für viele eine große
Belastung. Ich hatte mal einen
Lehrer der sagte ‘Dieser Beruf ist
nichts fürSchwächlinge’. Sensible
Genies mögen Dichter werden,
die können zuHause sitzen und in
sich gehen, aber Schauspieler sind
einemanderenDruck ausgesetzt.”
Er spricht von der Diskrepanz
zwischen dem Anspruch, der an
den sensiblen Künstler gestellt
wird, undderNotwendigkeit eben
nicht so empfindlich zu sein, dass
man gefährdet ist. “Das wird oft
nicht so erkannt, was auch ein
Grund ist, warummanche Schau-
spieler zuTrinkernwerden.”
« Für mich ist Europa die
schönste Ecke der Welt »
sicht dafür hat er ja. “Traumrolle
würde ich es nicht nennen. Aber
ich wurde mal gefragt, welche hi-
storische Figur ich gern darstel-
len würde und da sagte ich: Karl
Marx.” Das ursprüngliche Pro-
jekt war ihm zu geschichtsträch-
tig, ihn reizt viel mehr den deut-
schen Denker als Mensch darzu-
stellen. “Marx war Theoretiker
der Revolution, aber kein Revolu-
tionär, der auf die Barrikaden
stieg. Er war ein Genie. Er hatte
große Kenntnisse der Wissen-
schaften, der Mathematik, der
Weltliteratur, aber er kannte die
Welt nicht. Er lebte lange Jahre in
England, ist aber wenig gereist.
Er sprachRussischundSpanisch,
ohne jemals in Russland oder
Spanien gewesen zu sein.” Adorf
hat sich auf eigene Faust Material
zumThema angelesen und ist da-
bei auf einen zuvor unbekannten
Text gestoßen, wo es um Marxs
Reise nach Algiers geht. Dort er-
fuhr Marx zum ersten mal das
Araber kein Privateigentum be-
sitzen. “Doch was mich am mei-
stenanMarx interessiert, ist, dass
er sein eigener Kritiker war. Er
wurde mal gefragt: ‘Sie gehen al-
les so asketisch an, dabei sind sie
doch ein Genießer, der Cognac
trinkt und Zigarren raucht.’ Da-
raufin hat Marx gesagt: ‘Ja, das
ist auch nicht für mich, das ist für
später’.“ Ohne einem Phantom
hinterher jagen zu wollen, ist Ad-
orf immer noch von Ambitionen
getrieben, und wer würde ihn
nicht gern als Karl Marx sehen?
Mario Adorf mit Kollegin
Veronika Ferres in
Die lange
Welle hinterm Kiel,
ARD
-
Ausstrahlung am 04.01.2012
Adorf with co-star
Veronika Ferres in his latest
film, which shows on
German TV in January
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