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ario Adorf wurde 1930
in Zürich geboren, als
unehelicher Sohn ei-
ner deutschenKrankenschwester
und eines italienischen Arztes. 81
Jahre später hat er eine Schau-
spielkarriere vorzuweisen, die
sich mittlerweile über sieben
Jahrzehnte erstreckt. Adorf hat
sich als Typ etabliert, der char-
mant und ehrwürdig ist und in
den vergangenen Jahren des öf-
teren in romantischen Fernseh-
filmen zu sehen war. Doch im
kommenden Jahr wartet er mit
neuen Herausforderungen und
unerwarteten Projekten auf.
Es überrascht fast, wenn man
ihn trift, dass sich hinter der
glatten, geprobten Fassade ein
Gedankenmensch verbirgt. Ein
Mann, der es sich längst hätte lei-
sten können, sichmit seiner Frau
Monique in seinem Haus in St
Tropez entspannt zur Ruhe zu
setzen. Aber stattdessen schlägt
er jetzt erst Recht in seiner Karri-
ere neue Wege ein, mit jungen
deutschen Regisseuren, wie Lola
Randl und Tarek Ehlail.
In Deutschland kennt ihn
wohl jeder, ob als Schurke und
Bösewicht aus den 60ern Jahren,
oder als Restaurant-Besitzer und
Schürzenjäger in der Erfolgsko-
mödie
Rossini
. International ist er
vielleicht ein Begrif für seine
Rolle als Oskars Vater im Film
Die Blechtrommel
, der 1979 als er-
ster deutscher Film einen Oscar
gewann. Bekannter aber ist er für
die Filmrollen, die er ablehnte, so
wie eine Rolle als Mafiosi in
Coppolas Filmklassiker
Der Pate
.
Doch Adorf bereut nichts: “Ich
habe sicher Fehler gemacht, aber
die würde ich unter den gleichen
Umständen auch wieder tun. Ich
habe immer konsequent und mit
Charakter gehandelt und mich
nie verbogen.” Wichtig war ihm
immer einen Protagonisten dar-
zustellen. “Dabei muss es nicht
immer die Hauptfigur sein, das
hat man bei Rossini gesehen.
Aber in Hollywood wurden
einem als Deutscher meist nur
flache Nebenrollen geboten.”
Stattdessen will Adorf einen
Menschen darstellen mit Ecken
und Kanten. Mal reizt ihn die
Rolle, mal eher der Film. In sei-
nem aktuellen ARD Streifen
Die
lange Welle hinterm Kiel
, der am
4. Januar ausgestrahlt wird, war
es die Thematik der Sudetendeut-
schen in Tschechien. Der Film
behandelt die Kraft der Erinne-
rung und wie unterschiedliche
Menschen sich anders an diesel-
ben historischen Ereignisse ent-
sinnen. In gewisser Weise the-
matisiert der Film aber auch das
Altwerden. Adorf und Kollegin
Christiane Hörbiger spielen alte
Menschen, die sich von der Ju-
gend missverstanden fühlen.
Doch Adorf ist es sehr wichtig,
wie er in seinen aktuellen Rollen
das Altern präsentiert. Neulich
wurde ihm die Rolle eines alten,
krebskranken Mannes angebo-
ten, er winkte gleich ab: “Das Pu-
blikum will mich nicht als
schwerkranken Mann sehen. Sie
sehen mich als Mann, der zwar
alt ist, aber Vitalität besitzt.”
Und tatsächlich strotzt er vor
Energie. Jüngst in Tarek Ehlails
DieGegengerade – 20359St. Pauli
,
wo Adorf einen Bierbudenbesit-
zer spielt. Adorf läuft blutver-
schmiert nach einer Straßen-
schlacht durchs Bild und brüllt
dieFußballfans zusammen, nicht
gerade eine typische Rolle für
ihn. “Ja, es hat mich sogar fast ge-
wundert, dass ein junger Regis-
seur mir so eine Rolle anbietet.
Eine Zeit lang, sind junge Leute
nicht auf mich zugekommen,
weil sie wohl dachten ‘der Adorf
ist zu teuer’ oder ‘der Adorf ist zu
bestimmend’. Dabei freut es
mich immer besonders, bei Kino-
filmenmitzuwirken.” Ofensicht-
lich hat Adorf noch immer große
Pläne und bequem wird er noch
lange nicht. Als wir uns in Ham-
burg trefen, kommt er gerade aus
Berlin, wo er an einem Low-Bud-
get-Kino-Kurzfilm von der auf-
strebenden
Regisseurin
Lola
Randl arbeitet. Es gibt nur wenig
Geld für die Produktion, daher
muss alles in nur zwei Wochen
gedreht werden, keine einfa-
chen Arbeitsbedingungen. Aber
Adorf will das Projekt unbedingt
unterstützen und sagte zu, bevor
dasDrehbuch überhaupt zuEnde
geschrieben wurde.
Leider gibt es zu dieser Zu-
sammenarbeit mit Randl eine
tragische
Vorgeschichte.
Im
Sommer diesen Jahres hatte
Adorf schon an einem Film mit
derselben Regisseurin
Die Erfin-
dung der Liebe
mitgewirkt, der
schon zu zwei Drittel zu Ende ge-
dreht war, als plötzlich die junge
Hauptdarstellerin Maria Kwiat-
kowsky (26) tot aufgefunden
wurde. Tot nach Herzstillstand
ergab die Autopsie. Doch Ver-
mutungen, dass Drogen mit im
Spiel waren, halten die Versiche-
rung davon ab zu zahlen, so dass
die Zukunft des Projekts noch
ungewiss ist. Adorf vermutet,
dass daher Randl im Schnell-
tempo das neue Drehbuch (Ar-
beitstitel
Lonely U
) als eine Art
“Autotherapie” geschrieben hat.
Da hilft er natürlich gernmit. “Es
war für uns alle ein Schock, denn
Maria war eine sehr warme, lu-
stige Person. Wennman sie nicht
kannte, konnteman nicht ahnen,
dass sie an Depressionen litt.”
« Das Publikum sieht
mich als Mann, der zwar
alt ist, aber Vitalität
besitzt »
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