„D
ieser Mann, zum Beispiel, leidet an stressbedingten Schlaf-
störungen“, sagt Uzi-Eli Hezi und zeigt auf einen Kunden am
anderen Ende seines Stands auf demMahane Yehuda Markt
in Jerusalem. „Aber ich habe genau das Richtige für ihn. In ein paar
Tagen wird er schlafen wie einMurmeltier.“
Zwar bleibt mir diese spezifischeMedizin erspart, doch dafür darf
ich gleich eine ganze Reihe nicht weniger ungewöhnlicher Heilmittel
probieren, die Hezi imAngebot hat. Eine Creme, die Falten vorbeugt,
wirdmir ins Gesicht und auf die Hände gerieben (bei Hezi scheint sie
gewirkt zu haben). Ich esse ein Stück Schokolade, die zu Gewichts-
verlust führt (scheint bei mir nicht zu wirken) und trinke zögerlich
etwas Saft aus reinemKhat, einem inmehreren Ländern verbotenem
Rauschmittel. Und nachdem mir schließlich „natürliches Viagra“
und ein „natürliches Antidepressivum“ in den Rachen gesprüht wer-
den, frage ichmich ernsthaft, ob ich es unbeschadet zurück ins Hotel
schafe, ohne Chaos zu verursachen.
Doch die Wirkungen hielten sich Gott sei Dank in Grenzen. Ob-
wohl ich schon eine gewisse innere Ruhe verspürte, die aber auch an
Hezis geflüsterter Segnung liegen könnte, die er aussprach, als ichmit
geschlossenen Augen an seinem Stand den Lärm des lebhaften Ge-
müsemarkts auszublenden versuchte.
Hezi, vor Ort als Etrog-Medizinmann bekannt („Etrog“ ist eine Zi-
trusfrucht, die als Symbol des Judentums gilt), stammt aus einer jeme-
nitischen Heilerfamilie und verwendet dieselben Formeln und Ge-
würze, die ihm bereits sein Großvater beibrachte. Als Neunjähriger
siedelte er mit seiner Familie in der „Operation Fliegender Teppich“
nach Israel um, eine Aktion, während der fast 50.000 aus Jemen stäm-
mige Juden in den gerade gegründeten Staat ausgeflogen wurden. Auf
ihrer Farm in Jerusalem setzte die Familie ihre heilerischen Tätig-
keiten fort. Vor zehn Jahren schließlich eröfnete Hezi seinen einzig-
artigenMarktstand.
In Israel leben heute rund 300.000 jemenitische Juden und viele
typisch jemenitische Nahrungsmittel haben mittlerweile einen
festen Platz in der kulinarischen Landschaft des Landes.
Ich begebe mich in die Jachnun Bar an der Hillel Straße im Zen-
trum von Jerusalem, wo Eigentümer Yariv Gury
Malawach
zubereitet
– dicke Pfannkuchen, die mit hartgekochten Eiern, Tomate,
Tahini
(ei-
ner Paste aus Sesamsamen) und einer würzigen Soße gefüllt werden.
Wenn der gleiche Teig gerollt und bei niedriger Hitze gebacken wird,
werden
Jachnun
daraus. „Vor nicht allzu langer Zeit wurden diese Spei-
sen nur zu Hause von jemenitischen Einwanderern gegessen“, sagt
Gury. „Aber jetzt gibt es sogarMikrowellen-
Jachnun
imSupermarkt.“
Uzi-Eli Hezi liebt den Mahane Yehuda Markt, da er von den rund
300 Händlern um ihn herum alle frischen Zutaten bekommt, die er
braucht. Aber der Markt ist viel mehr als ein Handelsplatz. Hier
könnten Sie eineWoche lang dreimal täglich drei Mahlzeiten zu sich
nehmen, ohne zweimal das Gleiche zu essen.
Der beste Ausgangspunkt ist das angesagte CaféMizrachi, wo Sie
den bestenKafee in Jerusalembekommen. Danach empfiehlt sich als
Snack am Vormittag ein türkischer Börek (Blätterteig mit Spinatfül-
lung) von Ramleh, einem Imbissstand am Rande des Markts an der
Agrippas Straße. Mahane Yehuda ist der ideale Ort, um die israe-
lische Küche zu kosten, die Speisen aus der Regionmit denGerichten
der jüdischen Einwanderer aus aller Welt verbindet.
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