»Kommen Sie, das ist doch gar kein Rund-
flug. Sie möchte doch nur einmal mitflie-
gen. Sie machen ihre Arbeit und sie sitzt
daneben. Undwir bezahlen Ihnen natürlich
auch etwas. Sehen Sie, es ist der
Herzenswunsch einer alten Frau. Was
würden Sie an unserer Stelle tun? In die
Bezirksstadt zum Flughafen ist es viel zu
weit. Sie sind der Einzige, der ihr diesen
Wunsch erfüllen kann.«Sergej Walunin
überlegte. Ein paar Rubel zusätzlich kön-
nte er gut brauchen. Das Benzinwar schon
wieder teurer geworden und seine Einnah-
men reichten zurzeit kaum aus, um seine
Maschine vernünftig zu warten. Aber er
hatte keine Lizenz für Passagierflüge. An-
dererseits: Wer würde das schon über-
prüfen, wenn er wie immer von dem alten
Militärgelände aus starten würde, das er
nach demAbzug der Truppen billig gekauft
und auf dem er seinen Ein-Mann-Betrieb
eingerichtet hatte? »Na gut«, stimmte er
schließlich zu. »Aber es muss unter uns
bleiben, sonst nehme ich sie nicht mit.
Versprochen?«»Versprochen!«Das halbe
Dorf stand vor Ludmilla Grigorievas Haus,
um sie zu verabschieden wie zu einer
Weltreise, als ihre Kinder in Anatols
kleinem Auto an jenem großen Tag vor-
fuhren, an dem der Geburtstags-Flug
statt-finden sollte. Einhelligwaren alle Um-
stehenden der Meinung, dass die Alte nun
völlig verrückt geworden sei. Schade um
den schönen Wunsch. Wenn schon Geld
ausgeben, wäre ein neuer Fernseher oder
eine Waschmaschine viel sinnvoller
gewesen. Doch Ludmilla Grigorieva hatte
diese Kommentare nur mit einem Lächeln
weggewischt. Das Bild auf ihrem Fernse-
her sei zwar schlecht, aber das Programm
sei ja auch nicht gut. Und ihre Wäsche
hätte sie schon seit jeher in dem großen
Zuber hinter dem Haus gewaschen, auch
als noch die Kinder und deren Väter zu
Hause gewesenwaren. Da brauchte sie für
ihre paar Hemden und Strümpfe jetzt auch
keine Waschmaschine mehr. Ludmilla
Grigorieva hatte sich fein gemacht. Sie trug
ihr bestes geblümtes Kleid und das neue
Kopftuch, das sie sich im vergangenen
Jahr zum Osterfest gekauft hatte. Vera
öffnete ihrer Mutter die Tür und half ihr,
sich auf den Beifahrersitz des alten Lada
zu setzen. »Gibmir Deine Tasche. Was hast
du eigentlich alles da drin? Du willst doch
nicht verreisen?«, forderte sie ihre Mutter
auf und griff nach der großen, ausge-
beulten Tasche, die Ludmilla Grigorieva auf
den Knien balancierte. »Das geht Dich gar
nichts an«, sagte Ludmilla Grigorieva
streng und packte die Griffe der Tasche
fester. »Das brauche ich.« Vera zuckte die
Schultern und zwängte sich zu ihren bei-
den Schwestern auf die Rückbank.
Zweieinhalb Stunden rumpelten sie über
die Straße nach Süden, vorbei an endlosen
Feldern und vereinzelten Dörfern, bis sie
am Rand einer Kleinstadt auf einen mit
Betonplatten eher schlecht als recht be-
festigten Weg einbogen, der sie zu dem
ehemaligen Militärgelände führte. Sergej
Walunin erwartete sie bereits in seinem
geflickten Overall hinter dem Hangar. Er
runzelte die Stirn, als er sah, wie Ludmilla
Grigorieva sich aus dem Lada schälte. Das
würde ein mühsamer Start werden. Das
Zuladegewicht seiner einmotorigen
Maschine war mit den Anbauten zum
Sprühen und den Tanks voller Spritzmittel
sowieso schon ausgereizt. Und Ludmilla
Grigorievas Sonntagskleid spannte sich
über einer mehr als stattlichen Figur. Er
überlegte kurz, ob er einen Teil des Spritz-
mittels wieder ablassen sollte, aber dann
entschied er sich dagegen. Er würde sonst
ein zweites Mal starten müssen, um alle
Bäume der Plantage einsprühen zu kön-
nen, und außerdem war er in seiner Mili-
tärzeit noch unter ganz anderen Bedingun-
gen geflogen. Ludmilla Grigorieva ließ sich
von ihm die Gurte anlegen und festzurren.
»Sind Sie schon einmal geflogen?«, fragte
er sie. Stummschüttelte sie den Kopf. Zum
ersten Mal in ihrem Leben war sie so auf-
geregt, dass es ihr die Sprache verschlug.
»Lassen Sie doch ihre Tasche draußen,
ihre Kinder passen darauf auf«, versuchte
Sergej Walunin sie zu überreden, doch sie
schüttelte erneut den Kopf und schob die
Tasche unter ihre Beine. Ergeben schloss
Walunin die Türen und bereitete den Start
vor. Er meldete per Funk seinen Abflug bei
der Flugsicherung an, überprüfte noch ein-
mal routinemäßig die Instrumente und
drückte auf den Starterknopf. Unter dem
ohrenbetäubenden Dröhnen des
Propellermotors rollten sie in Position,
dann beschleunigte die Maschine, schüt-
telte sich auf der holprigen Piste wie ein
unwilliges Pferd und hob kurz vor Ende der
Startbahn mühsam ab. Mit weit aufgeris-
senen Augen beobachtete Ludmilla Grigo-
rieva, wie die Landschaft unter ihnen im-
mer kleiner wurde, Häuser und sogar
Lagerhallen zu Spielzeugminiaturen
schrumpften. Obwohl sie als Kind der
Ebenen das Gefühl der Weite gewohnt war,
so nahm ihr der sich öffnende Himmel und
die scheinbare Unendlichkeit des Horizonts
den Atem. Zwischen denWolken brach ein
Sonnenstrahl hindurch und streichelte wie
mit einem langen Finger über die sanften
Hügel mit ihren Feldern und Weiden. Lud-
milla Grigorieva hätte am liebsten laut ge-
sungen, doch neben dem fremdenMann in
diesem engen Flugzeug traute sie sich
nicht. Das letzteMal, dass sie sich so über-
schäumend glücklich gefühlt hatte, war
beim Heiratsantrag ihres ersten Mannes
gewesen. Da war sie siebzehn und ein
Backfisch, der von der Zukunft nur in rosa-
roten Bildern träumte. So stiegen ihr nur
ein paar Tränen in die Augenwinkel, die sie
verstohlen mit einem Zipfel ihres Kopf-
tuchs wegwischte. Nach etwa 20 Minuten
hatten sie ihr Ziel, die Obstplantagen, er-
reicht. Sergej Walunin ging tiefer, um die
richtige Höhe zum Verteilen des Spritzmit-
tels zu haben. In exakten Schleifen flogen
sie über die Reihen der Bäume, hin und
wieder zurück, wie ein Schiffchen auf dem
Webstuhl. Ludmilla Grigorieva machte es
nichts aus, dass sich unter ihnen nicht die
Serengeti, sondern die Landschaft ihrer
Heimat dehnte. Und wenn man die Augen
ein wenig zusammenkniff, dann konnte
man das Meer von Baumkronen sogar für
eine Herde von rundlichen, dunklen Tieren
halten. Viel zu schnell für ihren Geschmack
waren die Tanks leer und Sergej Wolunin
drehte ab. Die Mittagsthermik ließ die
kleineMaschine auf demRückflug bocken
wie ein Fohlen. Ludmilla Grigorieva beugte
sich plötzlich vor und begann, an dem
Reißverschluss ihrer Tasche herumzu-
zerren. Erschrocken sah Wolunin zu ihr
hinüber. Ihr würde doch hoffentlich nicht
schlecht werden und sie sich übergeben
müssen? »Was ist los? Ist Ihnen nicht
gut?«, fragte er über denMotorenlärmhin-
weg. »Nein, nein«, sie richtete sich wieder
auf und hielt ein Fünf-Liter-Einwegglas mit
Gurken in der Hand. »Das habe ich mitge-
bracht. Für Sie. Als Dankeschön. Mögen
Sie?« »Klar. Immer. Wissen Sie was?
Halten Sie mal das Steuerruder.« Bevor
Ludmilla Grigorieva protestieren konnte,
hatte er ihr das Glas aus der Hand genom-
men und schraubte den Deckel ab. Das
Flugzeug machte einen kleinen Hopser,
dochWolunin klemmte sein Knie unter das
Steuerruder und brachte es wieder auf
Kurs. »Ah, so gute Gurken habe ich schon
lange nicht mehr gegessen. Meine Groß-
mutter hat sie früher so gemacht. Mit Dill
und Honig. Da ist doch Honig drin, oder?«
Ludmilla Grigorieva lachte: »Sie schmeck-
en nur mit Honig. Heutzutage setzen die
Leute den Sud mit Essig und Zucker an,
aber das ist nichts. Auch wenn der Honig
teurer ist, aber so muss man es
machen.«Sergej Wolunin griff noch einmal
in das Glas und holte sich eine Gurke her-
aus, dann widmete er seine Aufmerksam-
keit wieder seinem Flugzeug. In weiter
Entfernung kam der alte Militärflugplatz in
ihr Blickfeld. »Wir sind gleich da«, kündigte
er an und klopfte mit dem Zeigefinger auf
den Höhenmesser, der gerne einmal ein
bisschen hängenblieb. Er spürte, wie ihm
Ludmilla Grigorieva auf den Arm tippte.
»Sagen Sie, junger Mann, wie lange könnte
ich für drei Gläser Gurken mit ihnen
mitfliegen?«Sergej Wolunin hätte beinahe
laut losgelacht, doch dann bemerkte er,
wie die alte Frau ihn ansah. Ihr Kopftuch
war etwas nach hinten gerutscht und eine
graue Strähne hing ihr über die Stirn. Ihre
Augen leuchteten, ihre Wangen waren
gerötet wie bei einemKind vor einemTisch
mit Geschenken. »Es hat Ihnen gefallen,
Mütterchen?«, fragte er mit gedämpfter
Stimme, aber doch so laut, dass sie ihn
verstehen konnte. »Ja. Wenn ich jünger
wäre, würde ichmeine Kuh undmein Haus
verkaufen und Fliegen lernen.«Sergej
Wolunin grinste so breit, dass sein gold-
ener Eckzahn aufblitzte. »Drei Gläser, da
lässt sich schon was machen.«Erstaunt
beobachteten ihre Kinder, wie Sergej
Wolunin Ludmilla Grigorieva galant aus
demFlugzeug half und sie ihmeinen schal-
lenden Kussmitten auf denMund drückte.
»Anatol«, rief sie. »In sechs Wochen
brauche ich Dich und Dein Auto. Ich habe
eine geschäftliche Verabredung mit Herrn
Wolunin hier.«
Ludmilla Grigorieva geht in die Luft: Teil 2
Heike Schwandt, Gewinnerin des Germanwings Story Award
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